Was steckt wirklich hinter der 70-Prozent-Regel?

Profis im Immobilien-Flippen haben eine eiserne Kaufregel: Zahle maximal 70 % des After Repair Value (ARV) abzüglich der Renovierungskosten. Klingt simpel — aber die meisten Einsteiger scheitern genau hier, weil sie entweder den ARV falsch einschätzen oder die Renovierungskosten zu niedrig ansetzen.

Die Formel lautet: Maximaler Kaufpreis = (ARV × 0,70) − Renovierungskosten

Die 70-Prozent-Regel beim Fix & Flip: Warum sie dein wichtigstes Werkzeug ist
Die 70-Prozent-Regel beim Fix & Flip: Warum sie dein wichtigstes Werkzeug ist

Ein konkretes Rechenbeispiel aus der Praxis

Du findest eine Altbauwohnung in Leipzig-Gohlis, 72 qm, Baujahr 1926. Vergleichbare renovierte Wohnungen in der Straße wurden zuletzt für 280.000 € verkauft → ARV = 280.000 €.

Renovierungskosten: Bad komplett (12.000 €), Böden (5.500 €), Küche (7.000 €), Fenster (6.000 €), Malerarbeiten (3.500 €) = 34.000 €.

RechenschrittBetrag
ARV (Marktwert nach Renovierung)280.000 €
× 0,70196.000 €
− Renovierungskosten−34.000 €
Maximaler Kaufpreis162.000 €

Zahlst du mehr als 162.000 € für diese Wohnung, gefährdest du deinen Gewinn. Bei 170.000 € Kaufpreis bleibt nach Transaktionskosten (ca. 12 % Grunderwerbsteuer + Notar + Makler) kaum Marge.

Warum 70 % und nicht 75 % oder 65 %?

Die 30 % Puffer decken vier Risikofelder ab:

  • Transaktionskosten (Kauf): 6,5–8 % Grunderwerbsteuer + 1–1,5 % Notar + 3–3,5 % Makler = ca. 10–12 %
  • Transaktionskosten (Verkauf): 3–4 % Maklerprovision + Vermarktungskosten = ca. 3–4 %
  • Haltekosten: Zinsen, Nebenkosten, Grundsteuer für 6–12 Monate = ca. 3–5 %
  • Gewinnmarge: Das Minimum was ein Flipper verdienen sollte = ca. 8–15 %

Addierst du alle vier Blöcke, kommst du auf 24–36 %. Die 70 % sind kein willkürlicher Wert — sie sind das mathematische Ergebnis realer Transaktionskosten plus Mindestrendite.

Wann die 70-Prozent-Regel angepasst werden muss

Die Regel ist ein Startpunkt, kein Dogma. In folgenden Situationen weichst du ab:

Strenger als 70 % (60–65 %)

  • Unsicherer Markt (sinkende Preise, hoher Leerstand)
  • Strukturell riskante Objekte (Dach, Statik, Asbest)
  • Erstprojekt ohne Erfahrungspuffer
  • Teures Fremdkapital über 6 % p.a.

Lockerer als 70 % (75–80 %)

  • Sehr günstiger Eigenkapitaleinsatz (kein Kredit)
  • Bereits laufendes Handwerkernetzwerk (20–30 % günstigere Renovierung)
  • A-Lage mit nachweislich sehr stabilen ARV-Werten
  • Sehr kurze Haltedauer möglich (2–3 Monate)

Der größte Fehler: den ARV falsch berechnen

Die Formel ist nur so gut wie dein ARV-Wert. Viele Einsteiger schätzen den ARV auf Basis von Angebotspreisen — ein fataler Fehler. Angebotspreise sind Wunschpreise, keine Marktpreise.

Richtig: ARV basiert ausschließlich auf tatsächlich abgeschlossenen Verkäufen (Notarstatistiken, Gutachterausschuss) der letzten 6–12 Monate in derselben Lage.

In Deutschland erfährst du reale Kaufpreise über: Gutachterausschuss (kostenpflichtig, aber exakt), Sprengnetter-Auswertungen oder vereidigter Gutachter.

Praxistipp von erfahrenen Flippern

Bestelle vor jedem Kauf ein sogenanntes "Desktop-Gutachten" für 150–300 €. Es gibt dir einen gesicherten ARV-Korridor und deckt automatisch auf, wenn du den Markt zu optimistisch einschätzt. Die Kosten sind vernachlässigbar gegen das Risiko eines falsch kalkulierten Deals.